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Früher war alles anders

 

Damals ging man doch auch nicht in eine Hundeschule, man ging mit Hunden noch nicht Gassi und der Hund lief einfach so mit. Probleme gab es doch höchstens, wenn Nachbars Strolchi streunen ging, sich vielleicht noch mit unserer Hundedame vernügte, ein Hofhund den Postboten jagte, zähnefletschend oder sogar wadenbeißend Spaziergänger vertrieb. Aber eigentlich war doch alles tutti und sowieso viel besser als heute, oder?

 

Warum bloß wird denn heute so ein Aufhebens um Hunde, Ihre Ausstattung, Ihre Beschäfitung und um Training gemacht? Warum scheinen so viele Hunde auffällig? Und warum ist das alles so kompliziert geworden?

 

Es gibt verschiedene Faktoren, einige davon möchte ich hier anbringen.

 

Die Anzahl der Hunde

 

Gab es im Jahr 2000 noch rund 5 Millionen Hunde in Deutschland ist die Zahl bis 2019 auf 10, 1 Millionen angestiegen und im letzten Jahr sogar bis auf 10,7 Millionen. Gab es in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts vielleicht in einer mittelgroßen Siedlung einer Kleinstadt noch 3-4 Hunde sind es heute dort häufig 12 oder mehr.

 

Diese hohe Anzahl kann sehr schnell sowohl zu Konflikten zwischen Hunde- und Nichthundehaltern, aber besonders auch zwischen den Hunden führen. Hunde sind heute nämlich viel mehr Reizen und Ablenkungen ausgesetzt. Stress hat auch in ihr Leben Einzug gehalten, und der Konkurrenzdruck durch gleichgeschlechtliche Artgenossen hat für sie deutlich zugenommen. Im Gegensatz zu uns prasseln Reize auf unsere Hunde auf Ohren, Augen und vor allem die Nase viel intensiver ein als auf uns. Dies stellt sie somit auch vor eine ungleich größere Herausforderung der modernen Zeit als uns.

 

Zucht

 

Leider wird heute bei vielen Rassen weniger als früher Wert auf Charakter und Gesundheit gelegt, sondern viel mehr auf Aussehen und Leistung. Viele der Rassen von damals sind wesentilch reizempfindlicher und gelangen schneller in eine höhere Erregungslage als früher. Was heißt das? Diese Hunde reagieren schneller und meist auch wesentlich impulsiver auf Reize. Die Fähigkeit zur Reizteilung erfordert viel Selbstbeherrschung (Impulskontrolel) und Energie und eine gefestigte Frustrationstoleranz. Diese ist aber nicht von Gott gegeben, sondern muss kleinschrittig erlernt und gefördert werden.

 

Erwartungen an unsere Hunde

 

Gleichzeitig sind die Erwartungen an Hunde in unserer Gesellschaft deutlich gestiegen. Hunde sollen überall dabei sein, sich dabei gut benehmen, sie sollen Sozialpartner sein, mit uns Sport treiben und möglichst auch noch unser Streben nach Leistung bei der passenden Beschäftigung mit dem Hund erfüllen.

 

Hunde sollen außerdem möglichst viel Spaß und Freude bringen, schnell stubenrein werden, zügig lernen, sich anpassen und gefälligst mit 12 Monaten erwachsen und vernünftig sein. Das ein Hund mit 12 Monaten mitten in der Pubertät, bzw. der Adoleszenz steckt und geistig und körperlich erst - je nach Rasse - mit 1 1/2 oder sogar erst 4 Jahren ausgereift ist, wird kaum einem (zukünftigen) Halter vermittelt.

 

Um allein aus den obengenannten drei Punkten möglicherweise entstehende Probleme zu bewältigen ist eine ganze Industrie entstanden die Hilfsmittel jeder Art anbietet, vom Geschirr, über den Maulkorb, einer ganzen Reihe höchst aversiver Hilfsmittel wie Erziehungsgeschirre, Moxonleinen ohne Zugstopp, jedwede Sprüh-  oder Stromreizgeräte, ... Auch diverse Trainings- und auch Therapieangbote unterschiedlichster Ansätze und Methoden bieten sich heute dazu.

 

Schöne neue Welt mit Hund?

 

Vielleicht ist es an der Zeit, das wir, die wir doch in der Lage sind zu reflektieren und die Lebenswelten zu gestalten, unser Zusammenleben mit Hunden neu denken. Wir sollten uns bewußt sein, das Hunde nebem einem Wirtschaftsfaktor, einem Leistungserbringer für die Gesellschaft und als Sozialpartner für uns Menschen, denkende und fühlende Lebewesen sind, die in unserer modernen Welt gegenüber unseren Erwartungen an sie, hauptsächlich auch ein Anrecht auf Verständnis, liebevolle Zuwendung, genügend Ruhe und Erholungphasen, eine faire Erziehung und die Berücksichtigung und Befriedigung ihrer Bedürfnisse haben sollten.

 

Manchmal bringt ein wenig mehr wahre Zuwendung und Verständnis für die Bedürfnisse unseres Hundes mehr als der nächste hippe Hundesport, die fünfte Hundeschule oder die passende Leine zu jedem Outfit.

 

Und was springt für uns dabei heraus?

 

Ein veränderter Umgang mit unseren Hunden hat auch Vorteile für uns und für die gesamte Gesellschaft. Hunde, die ihren Bedürfnissen entsprechend gehalten, gefördert und gefordert werden, für die wir als Halter der Fels in der Brandung sind, sie verstehen und unterstützen wo nötig, sind wesentlich stressresistenter, ausgeglichener und erst das ermöglicht es ihnen, in unserer Gesellschaft erwünschtes Verhalten zeigen zu können.

 

Ein partnerschaftlicher Umgang mit Hunden schafft selbstsichere und auch sichere Hunde.

 

 

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